Berliner InteGREATer besuchen 9./10. Klasse der Hedwig-Dohm-Oberschule

Berlin Mitte, Hedwig-Dohm-Oberschule. Erste Stunde. Bardha, Mariam und ich treffen uns in der integrierten Sekundarschule um mit den Schülern der 9. und 10. Klasse über Bildung, Integration, die Schule und ein bisschen über das Leben zu sprechen.
Während wir das Banner aufbauen und die Stühle im Kreis aufstellen, trudeln langsam die Schülerinnen und Schüler ein. Fragend und etwas schüchtern schauen sie uns an und nehmen Platz.

Es geht los. Bardha stellt sich und InteGREATer vor, sie erläutert, was wir machen, woher wir kommen und warum wir hier sind. Die Schülerinnen und Schüler wirken etwas desinteressiert und müde. Na gut, denke ich mir, es ist ja schließlich auch 8 Uhr morgens, da war ich früher auch nicht viel munterer und konzentriere mich auf meine Notizen.

Dann stellen sich alle vor, sagen wie alt sie sind, woher sie kommen und beschreiben ihre Zukunftspläne. Zu ihren Herkunftsländern zählen unter anderem der Libanon, Syrien, die Türkei und der Kosovo. Einige der Schülerinnen und Schüler haben die Berufsbildungsreife (BBR) als Abschluss und streben den Mittlerer Schulabschluss (MSA) an, nur wenige nennen das Abitur als nächste Etappe. Die Zukunft scheint für einige ein schwieriges Thema zu sein.

Bildung als einzige Chance

„Wir sind hier, um mit euch über Bildung zu sprechen“, erklärt Mariam und beginnt mit ihrer eigenen Bildungsgeschichte, die mit einem Brief von der Polizei anfing.
Abschiebung. Die damals 12-jährige und ihre Familie sollten zurück in die Türkei. Von heute auf morgen. Ein Schock für die Schülerin, ihre Mutter und die jüngere Schwester. Doch die Sache schien beschlossen, die Familie bricht ihre Zelte ab, verabschiedet sich von Freunden und Bekannten und macht sich auf den Weg. Am Düsseldorfer Flughafen ging es aber nicht mehr weiter, denn es fehlten wichtige Papiere. Wie durch ein Wunder durfte die Familie umkehren und in Deutschland bleiben. Ein Schüler möchte wissen, wie es dann weiter ging. „Wir setzten uns erst mal auf den Boden und weinten, denn wir hatten nichts uns mussten von Null anfangen“, antwortet Mariam und fügt hinzu, dass sie sehr schnell verstand, wie viel Glück sie hatte. Gleichzeitig wurde ihr auch bewusst, dass ihr Leben nicht so weitergehen konnte, wie zuvor. Kein Bock auf Schule, Hausaufgaben scheißegal. Das musste nun unbedingt ein Ende haben.

Was aber ist der Weg für eine gute, für eine bessere Zukunft? Ich muss anfangen zu lernen, beschloss sie. Aber wie? Wie geht überhaupt Lernen? Wie sollte sie das nur schaffen? „An mich glaubt doch sowieso keiner“, erinnert sie sich. Glaubt sie überhaupt an sich selbst?

Die Schülerin fasste sich ein Herz, nutzte ihre Chance und begann einen Neustart. Sie machte regelmäßig ihre Hausaufgaben, schrieb Klausuren mit, machte ihre BBR, den MSA, schließlich das Fachabitur. „Was sich jetzt vielleicht einfach anhört, war in Wirklichkeit ganz schön schwer“, erklärt die heutige Studentin. „Ich musste leider viel Diskriminierung erfahren und wurde von falschen Freunden für meinen Fleiß und gute Noten belächelt.“
Doch Maryam hat ihre Ziele nie aufgegeben, denn sie wusste, dass Bildung der einzige Weg nach oben ist. Nur dadurch konnte ihre Zukunft anders und damit besser werden.
Heute steht sie kurz vor ihrem Bachelorabschluss. Sie hat sich für das Studium „Soziale Arbeit“ entschieden, einen Bereich, in dem sie sowohl das Positive als auch die Schattenseiten ihrer Migrationsgeschichte mit anderen Menschen teilen kann.

Nach Mariams Geschichte wird es ganz ruhig im Raum. Alle wirken nachdenklich, niemand traut sich weitere Fragen zu stellen.

Nichts kommt aus Bequemlichkeit

Für einen kurzen Moment übernimmt Bardha die Rolle des Lehrers. Sie stellt sich an die Tafel und wirft Fragen in die Runde: Welche Abschlüsse kann man in Deutschland machen? Was ist die Voraussetzung für eine Ausbildung? Was braucht man für ein Studium?
Sie erläutert die verschiedenen Schulabschlüsse und spricht über die zahlreichen Möglichkeiten, die das deutsche Bildungssystem bietet. Immer wieder hebt sie hervor, dass erfolgreich sein nicht bedeutet, viel Geld zu haben. Vielmehr heißt es, sich ein Ziel zu setzten und das konsequent zu verfolgen.

Gegen Ende der Stunde erzählt Bardha, wie es bei ihr war. Sie erinnert sich, wie ihre Familie nach Deutschland geflüchtet ist, weil sie im Kosovokrieg Morddrohungen erhielt. „Die Bilder der Flüchtlinge, die ihr heute im Fernsehen seht, ist das, was ich selbst am eignen Leib erlebt habe“, sagt Bardha. Heute studiert die 23-Jährige Medizin im achten Semester und wirft ein, dass sie damals nach der Grundschule gar keine Gymnasialempfehlung bekommen hatte, mit der Begründung, dass ein Gymnasium ab der fünften Klasse viel zu anspruchsvoll für ein Mädchen mit Migrationshintergrund sei. Obwohl sie zu den Klassenbesten gehörte.

Doch die Schülerin ließ sich nicht entmutigen. Jetzt erst recht, dachte sie, und hielt an ihrem Ziel fest. Sie hat viel Disziplin und Fleiß in ihre Schulzeit gesteckt, um zu beweisen, dass sie doch ein Abitur schaffen kann. „Einfach war es nicht, berichtet Bardha, aber nichts kommt aus Bequemlichkeit.“

Wenn wir es geschafft haben, dann schafft ihr es auch

Bleibt dran, kämpft für eure Ziele und lasst euch nicht unterkriegen. Wenn wir es geschafft haben, dann schafft ihr es auch. Mit diesen Botschaften beenden wir unseren Besuch und hoffen, dass wir die Schülerinnen und Schüler informieren und hoffentlich auch motivieren konnten. Wir teilen Feedbackbögen aus und warten gespannt, was zurück kommt:

Die Geschichten haben mich sehr getroffen und mich dazu gebracht, noch einmal mehr darüber nachzudenken, ob ich wie die InteGREATer auch Abitur mache.“

Ich habe nachgedacht, ob ich die zehnte Klasse wiederhole und auch Abitur mache.“

Ich habe mich geborgen und endlich verstanden gefühlt.“

Diese Rückmeldungen  berühren uns und bestärken uns in unserem ehrenamtlichen Engagement. Wir verlassen die Schule mit Zuversicht und großer Motivation unsere Geschichten mit vielen weiteren jungen Migranten in ganz Deutschland zu teilen.

 

(Verfasst von Olga Elli, InteGREATer in Berlin)