InteGREATer entdecken die Welt: Nicaragua, das Land zwischen den Ozeanen

Nicaragua, das Land zwischen den Ozeanen

Unsere Frankfurter Freiwillige Anni berichtet von ihrem Aufenthalt in Nicaragua:

Nach einem traumhaften Jahr in Nicaragua, das schneller vorbei ging, als ich es realisieren konnte, bin ich nun wieder in Deutschland und möchte euch einen Eindruck über mein Jahr in Nicaragua vermitteln. Im Rahmen von Weltwärts habe ich ein Jahr lang als Freiwillige gearbeitet in einer Organisation, die sich für indigene Frauenrechte, Umweltschutz und Verbesserung der Bildungssituation einsetzt.
Allein das Ankommen auf der Finca, wo ich ein Jahr lang ohne Strom und fließend Wasser leben sollte, mitten im atemberaubenden Dschungel Nicaraguas, im Gebiet der indigenen Gruppe der Miskitos, war ein großes Abenteuer. Mit einem Zwölf-Sitzer-Mini-Flugzeug ging es von der Hauptstadt Managua nach Waspam, der Hauptstadt der Region, wo vor unserer Landung das Militär noch die Kühe von der Landebahn verscheuchen musste. Danach stiegen wir auf die Ladefläche eines Pickups und fuhren ca. eine Stunde in den Dschungel hinein. Über die Kokosallee kamen wir auf den Wohnbereich der Finca, einem unglaublich idyllischen Ort, umgeben von unberührter Natur, weitab von jeglicher Zivilisation nach westlichen Maßstäben. Nach der unglaublich herzlichen Begrüßung durch die Einheimischen wusste ich, hier will ich bleiben!
Die Menschen dort sind sehr arm und arbeiten sehr hart, um ihre Familien ernähren zu können, gehören aber zu den glücklichsten Menschen, die ich bisher in meinem Leben kennengelernt habe. Gemäß der indigenen Kultur versuchen die Menschen im Einklang mit der Natur zu Leben, dennoch sind leider auch hier schon die Umweltprobleme zu spüren. Durch die Klimaveränderungen gab es Verschiebungen in den Regen-und Trockenzeiten, sodass oft Ernten ausfallen oder sehr wenig Ertrag geben, was zu noch mehr Armut führt. Schuld daran ist vor allem die stetig ansteigende Abholzung. Das Gebiet ist zwar in Besitz der Miskitos, aber aufgrund der Armut und der damit verbundenen Not werden viele Waldflächen den großen Weltkonzernen überlassen, damit diese Edelhölzer herausbringen und immense Plantagen anlegen, für die wertvoller Regenwald gerodet wird.
Die Kultur der Miskitos ist durch den immer größer werdenden westlichen Einfluss am verschwinden. Medien wie Fernsehen und Internet breiten sich immer mehr aus und die Miskitos streben nach dem Lebensstil, den sie hier erfahren. Die wichtigsten Werte des Kollektivismus, eine Überlebensnotwendigkeit für diese Menschen, weichen immer mehr dem Individualismus der westlichen Welt. Auch innerhalb Nicaraguas haben die Miskitos große Probleme sich zu behaupten. Sie werden als der „andere“, „unentwickelte“, „zurückgebliebene“ Teil Nicaraguas betrachtet. Zudem leben die Miskitos nicht nur in Nicaragua sondern auch in einigen Gebieten von Honduras. Im Rahmen eines Abkommens zwischen Nicaragua und Honduras hat der nicaraguanische Präsident diese Gebiete an Honduras verschenkt. Dadurch leben nun viele Familien getrennt voneinander durch einem Fluss, der als natürliche Grenze ausgewählt wurde. Ein Fluss, der die Lebensader vieler Dörfer darstellt.
Durch meine Arbeit mit indigenen Frauen hatte ich Gelegenheit alle diese Probleme hautnah mitzuerleben und durch Seminare und Foren zusammen Lösungsansätze zu erarbeiten. Besorgnis erregend sind für mich vor allem die schlechte Bildungssituation und die erfolglosen Bemühungen der dortigen Jugendlichen Bildungsmöglichkeiten wahrzunehmen. Seitdem die Oberstufe im Dorf auf Grund fehlender finanzieller Mittel geschlossen wurde, müssen die Schüler aus dem Dorf Kururia vier Stunden in die Samstagsschule laufen, die sich in der Stadt Waspam befindet, um eine weiterführende Schule besuchen zu können. Besonders zur Regenzeit ist dieser Weg durch Wald und Flüsse sehr
beschwerlich und viele scheitern daran. Die ansteigende Zahl an Überfällen und Vergewaltigungen auf diesem Weg ist ein weiteres Hindernis,sodass besonders Mädchen davor Angst haben diesen Weg zu gehen. Die Folge ist, dass nur noch sehr wenige aus dem Dorf das Abitur machen können, denn kaum eine Familie kann es sich leisten, ihren Kindern einen Aufenthalt in der Stadt zu finanzieren, damit sie dort die Regelschule besuchen können. Die Organisation ist deshalb besonders in diesem Bereich auf der Suche nach Hilfe, vor allem finanzieller Art, denn es wird versucht die Oberstufe im Dorf wieder aufzubauen.
Auch hatte ich in diesem Jahr Zeit und Gelegenheit den „anderen“ Teil Nicaraguas kennenzulernen. Auf meinen Reisen durch Nicaragua bekam ich einen Einblick in die Kolonialzeit des Landes, denn viele Städte zeugen heute noch durch ihre Architektur, ihren Menschen und dem Lebensgefühl von der Kolonialgeschichte. Beeindruckend in diesen Regionen Nicaraguas waren die immer noch im Inneren brodelnden Vulkane, die ich bestieg, und die Kraterseen auf welche man wunderbare Ausblicke bei Sonnenuntergang genießen konnte. Nicht zu vergessen sind die karibischen Corn Islands, wo ich einen wunderschönen Urlaub erleben durfte.
Spiegelblaues, durchsichtiges Wasser, entspannen am weißen Sandstrand, schnorcheln mit Haien und Millionen von bunten Fischen haben die Zeit dort unvergesslich gemacht! Ich lernte aber nicht nur Nicaragua kennen. Auf einer Reise mit zwei Freundinnen aus Deutschland durchfuhren wir Honduras und El Salvador mit dem Ziel Guatemala zu bereisen. Hier lernten wir die ethnische Gruppe der Garifuna kennen. Diese stammen von ehemaligen Sklaven aus Afrika ab, die es schafften zu flüchten und sich entlang der Atlantikküste von Belize bis Nicaragua niederließen. Fesselnd war auch der Besuch des Tikals, einer alten Ruinenstadt der Mayas. Von den Pyramiden hatten wir einen atemberaubenden Ausblick bis nach Mexiko. Das Ende dieser Reise, wieder im südlichsten teil Nicaraguas, auf der Pazifikseite war mein Highlight. Hier konnten wir in einem Naturschutzreservat beobachten wie Riesenschildkröten an den Strand kamen, um ihre Eier abzulegen.
Nachdem sie durch harte Arbeit eintiefes Loch in den Sand gruben, legten sie die rund 100 Eier ab, bedeckten sie vorsichtig und machten sich dann wieder auf den Weg ins Meer. Als wir dort ankamen waren gerade kleine Baby-Schildkröten aus ihren Eiern geschlüpft und wir halfen ihnen dabei ihren Weg ins Meer zu finden. Das war eines der eindrucksvollsten Reiseerlebnisse meines Lebens.
Dieses Land, vor allem die so wunderbar ursprüngliche Region im Norden Nicaraguas an der Atlantikküste, hat es mir angetan! Ich habe mich in das Land und seine beeindruckende Vielfalt verliebt. Die Menschen geben einem ein herzliches Gefühl des Willkommenseins und familiärer Liebe, was in der heutigen westlichen Gesellschaft sehr rar geworden ist. Es lohnt sich dies alles kennenzulernen! Doch bis ich nach Nicaragua zurückkehren kann, werde ich weiterhin mit Herz und Seele bei InteGreater aktiv sein.