Interview mit Karim Fereidooni & InteGREATer e.V.

Unsere Mahinur und Sofia aus der Regiogruppe Köln haben mit Prof. Dr. Karim Fereidooni über seine Forschungsschwerpunkte und Rassismus an Schulen gesprochen und damit unseren Lesern und auch uns selbst sehr spannende Einblicke und Erkenntnisse in unsere alltägliche Arbeit als InteGREATer*innen gegeben.


Über Prof. Dr. Karim Fereidooni:

Prof. Dr. Karim Fereidooni ist Juniorprofessor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität Bochum. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Rassismuskritik in pädagogischen Institutionen, Schulforschung und Politische Bildung in der Migrationsgesellschaft und Diversitätssensible Lehrer*innenbildung.
Weitere Informationen auf http://www.sowi.rub.de/sowifd/ und http://www.karim-fereidooni.de/


Du bist Rassismusforscher und hast eine Studie über Rassismus in Klassen- sowie Leher/-innenzimmer veröffentlicht. Was sind die spannendsten Erkenntnisse deiner bisherigen Forschung?

Viele Lehrer*innen haben in Interviews von ihren Rassismuserfahrungen im Berufskontext berichtet, aber zuvor im Fragebogen haben dieselben Menschen angekreuzt „Ich habe keine Rassismuserfahrungen gemacht.“ Diesen Umstand habe ich zum Anlass genommen, um mich mit der folgenden Frage auseinanderzusetzen: „Warum können oder wollen Lehrkräfte ihre Rassismuserfahrungen nicht als solche bezeichnen“? Ich könnte unterschiedliche Dethematisierungstrategien (Täter-Opfer-Umkehr, Verharmlosung, Verleugnung, Unsicherheit, nachträgliches Eingeständnis) herausarbeiten, die dafür verantwortlich sind, dass einige Lehrer*innen ihre Rassismuserfahrungen nicht verbalisieren können.   

(Wie) wurdest du in deiner Schullaufbahn diskriminiert? Wie bist du damit umgegangen?

Einige meiner Lehrer*innen, haben an mein Potenzial geglaubt und mich darin unterstützt, meine Möglichkeiten auszuschöpfen. Andere Lehrer*innen wiederum haben mich ausgelacht, als ich gesagt habe, dass ich studieren möchte. Diese Reaktionen habe ich mit meiner Familie besprochen, die mich immer auf meinem Lebensweg unterstützt hat. Ich bilde an der Ruhr-Universität Bochum angehende Politiklehrer*innen aus und sage den jungen Menschen: „Sie müssen die Verantwortung für ihre Aussagen übernehmen und dafür sorgen, dass sich niemand ausgegrenzt fühlt!“ Viele Erwachsene haben nach über 10, 20 oder 30 Jahren noch immer die diskriminierenden Sprüche ihrer Lehrer*innen im Kopf. Diesen schlimmen Erfahrungen möchte ich mit meiner Arbeit entgegenwirken.    

Inwiefern gibt es ein Rassismusproblem an Schulen in Deutschland?

Rassismus tritt in ganz unterschiedlichen Gewändern in der Institution Schule auf: Zum einen, indem Schüler*innen of Color bzw. schwarze Schüler*innen schlechtere Noten erhalten, obwohl sie dieselben Leistungen erbringen wie weiße Schüler*innen. Zum anderen indem weiße Lehrer*innen ihren Schüler*innen of Color bzw. schwarzen Schüler*innen weniger zutrauen als den weißen Mitschüler*innen. Ferner wird häufig Rassismus mit Rechtsextremismus gleichgesetzt. Alltagsrassismus wird bislang leider zu wenig thematisiert. Des Weiteren finden sich rassismusrelevante Darstellungsweisen in den Unterrichtsmaterialien, die häufig ebenfalls nicht problematisiert werden.   

Was hältst du von dem dreigliedrigen Bildungssystem hier in Deutschland?

Meiner Meinung führt das mehrgliedrige Schulsystem zu einer zu frühzeitigen Selektion von Kindern im Alter von 10 bzw. 12 Jahren. Pädagogische Prognosen können im Umfang von höchsten zwei oder drei Jahren aber nicht für eine gesamte Bildungsbiographie von Kindern abgegeben werden. Niemand kann wissen, ob Kinder im Alter von 10 oder 12 Jahren Akademiker*innen werden oder nicht. Das mehrgliedrige Schulwesen verhindert die Chancengleichheit im Schulwesen.   

Haben junge Erwachsene mit Migrationshintergrund dieselben Chancen auf Berufs- sowie Bildungserfolg wie junge Erwachsene ohne? Warum?

Der faktische oder zugeschriebene ‚Migrationshintergrund‘ alleinig betrachtet, besitzt nur eine geringe Aussagekraft, wenn es um Bildungschancen von Schüler*innen geht. Bildungsungleichheit ist ein vielschichtiges Phänomen, sodass die folgenden Faktoren berücksichtigt werden müssen: a) der soziale Hintergrund von Familien; b) das Professionsverständnis von Lehrer*innen (inklusiv oder selektiv sowie rassismusrelevant oder rassismuskritisch bzw. klassistisch oder ungleichheitssensibel); c) Schulstruktur des Wohnortes (existieren unterschiedliche Schulformen, die weniger auf Selektion und vielmehr auf Förderung ausgerichtet sind und Schulformen, die mehrere Schulabschlüsse nebeneinander zulassen); d) Schulkultur der Einzelschule (existieren multiprofessionelle Teams und Ganztagsangebote sowie außerschulische Förderangebote); e) Bildungsaspiration und Bildungszertifikate der Eltern und der Peers; f) Aufenthaltsstatus der Familie; g) Anzahl der Schüler*innen ‚mit Migrationshintergrund‘, die in der Schule und im Schulstandort beschult werden (je größer der Anteil, desto bessere Chancen).        

Was soll gesellschaftlich getan werden, damit Migrationshintergrund als Ressource statt als Defizit wahrgenommen wird?

Alle Bürger*innen sollten die Errungenschaften, Vorteile und Notwendigkeiten erkennen, die mit Migration einhergehen. Migration ist der Normalfall und nicht die Ausnahme. Deutschland ist eine Migrationsgesellschaft und die meisten Kinder, die im deutschen Schulwesen beschult werden, sind hier geboren oder aufgewachsen. Niemandem darf das Deutschsein durch andere Menschen abgesprochen werden und der faktische oder zugeschriebe ‚Migrationshintergrund‘ sollte nicht mehr als Containerwort für alle negativen Eigenschaften benutzt werden, die einer Person zugeschrieben werden können.    

Wie und wann entsteht Rassismus überhaupt? Wie stehst du zur Annahme, dass man als Rassist geboren wird?

Es gibt kein Rassismus-Gen, deshalb wird kein Mensch als Rassist geboren. Wir lernen rassistisch zu sein und dieses Wissen nutzen wir Tag für Tag, um unseren Alltag zu strukturieren. Rassismus entstand im Zeitalter der Aufklärung, denn zu dieser Zeit wurden afrikanische Menschen durch Europäer*innen versklavt und getötet. In dieser Zeit wurden ‚Rassen‘ (weiß, gelb, rot und schwarz) erfunden, um den Rassismus zu rechtfertigen. Europäer*innen haben behauptet, dass weiße Menschen in der Entwicklungsstufe über schwarze Menschen stünden.

Was können Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte tun, um Diskriminierungserfahrungen entgegenzuwirken?

Lehrkräfte sollten Diskriminierungskritik als ganz normale Professionskompetenz betrachten. Sie sollten in der Lage sein, ihre eigene Lebensrealität und die ihrer Schüler*innen und Kolleg*innen wahrzunehmen. Nur weil man Diskriminierung ignoriert, verschwindet sie nicht; im Gegenteil, dadurch verschlimmern sich die Dinge.     

Was schlägst du zur Prävention von Rassismus vor?

Ich denke, dass Lehrer*innen eine Schlüsselfunktion haben, wenn es um die rassismuskritische Gesellschaftsgestaltung geht. Lehrer*innen sind wichtige Gatekeeper*innen und sollten in der Lage sein, über Rassismus zu sprechen. Sie sollten sich fragen: a)      Was hat Rassismus mit meinem eigenen Leben zu tun? b)      Inwiefern spielt Rassismus in meinem Klassen- und Lehrer*innenzimmer eine Rolle und was kann ich dagegen tun? c)      Inwiefern befördern meine Unterrichtsmaterialien rassismusrelevante Wissensbestände und was kann ich dagegen tun?

Bildungssystem und Rassismus in Deutschland im Jahre 2030 – wie sieht’s aus?

Jede Generation muss sich von Neuem mit Rassismus beschäftigen. Rassismus verändert sich und passt sich der aktuellen Zeit an, deshalb müssen auch die Methoden der Rassismuskritik mit der Zeit gehen. Ich hoffe, dass sich viele Menschen im Jahr 2030 von ihren rassismusrelevanten Phantasien über Menschen of Color oder Schwarze Menschen verabschiedet haben.  

Mahinur Ayar & Sofia Marbia aus der Regiogruppe Köln