Seydas Erfahrungen im Slum Kibera

Eigentlich reichen Worte nicht aus, um Euch genau das vermitteln zu können, was ich wirklich fühle und erfahren habe. Denn es gibt Momente im Leben, die nur in den Gedanken lebendig bleiben. Momente und Erlebnisse, die viel zu schön sind, um wahr zu sein. Mein Wunsch ist jedoch auf ein paar meiner „erlebten Realitäten“ aufmerksam zu machen. Nach etlichen Jahren Sehnsucht habe ich geschafft in diesem Sommer meinen großen Kindheitstraum zu verwirklichen. Ein Monat war ich mit meinem jüngeren Bruder als Begleiter im Slum Kibera. Es ist eins der größten Elendsviertel auf der Welt und befindet sich in Nairobi, der Hauptstadt des ostafrikanischen Landes Kenia. Eine Viertel Million Menschen leben in selbstgebauten Hütten auf der Fläche eines Golfplatzes. Die Lebensbedingungen, sprich medizinische, Wasser- und Sanitärversorgung, sind katastrophal. Die Menschen leben ständig unter Angst vor Obdachlosigkeit, Zwangsräumung, Gewalt und Krankheiten durch verschmutztes Wasser. Im Durchschnitt wohnen sechs Personen in einem kleinen Zimmer!

Jeder lebt in seinem eigenen „Armutsteufelskreislauf“. Doch sowohl der innere, als auch der materielle Kampf ums Überleben ist den Menschen und vor allem Kindern verwunderlicherweise nicht anzumerken. Auch wenn das öffentliche Elend abschreckend wirkt, ist weder eine Trauer noch Verzweiflung in der Atmosphäre zwischen den mit Müll verseuchten Gassen Kiberas zu spüren. Stattdessen ist man überwältigt von der warmherzigen und freudestrahlenden Energie der Bürger Kiberas.
Sobald man an diesem Ort ist, sieht man in jeder Ecke die begeisternden, faszinierten Gesichtausdrücke der Kinder und das laute Rufen der berühmten Frage „How are youuuu??“. Wir empfanden dieses liebevolle Verhalten als ihr Willkomensritual gegenüber „weißen“ Menschen.
Von morgens bis nachmittags verbrachten wir unsere Tage in einer Schule namens Kigulu für Waisen und HIV/Aids-infizierte Kinder. Wenn ich mich jedoch in der Nähe dieser wundervollen Wesen befand, hatte ich nicht den Eindruck, dass sie mir schmerzvolle Geschichten ihrer Vergangenheit verbergen. Im Gegenteil. Sobald sie in meiner Nähe waren, war ich umhüllt von ihrer Geborgenheit und positiven Ausstrahlung. Während wir hier in den westlichen Ländern darum kämpfen die Kinder mit materiellen Dingen zufriedenzustellen, sind die Kinder der Armut stets mehr als wunschlos glücklich, auch ohne jegliches Spielzeug.
Zum Tagesprogramm zählte das Unterrichten der Fächer Englisch, Mathe, Wissenschaft und Sozialkunde. Aber auch kreatives Programm wie z.B. Nähen, Basteln oder das Herstellen von Schmuck war angesagt. Außerdem beeindruckten sie uns fast täglich mit ihren kenianischen Tänzen und Liedern.

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Da wir nicht mit leeren Händen in der Waisenschule ankommen wollten, haben wir fast 5000 Euro Geldspenden gesammelt. (Hiermit danke ich auch gleichzeitig diesen wunderbaren vielen Menschen, die uns ihr Geld anvertraut haben.) Daher sind die Schülerinnen und Schüler Kigulus nun mit etlichen Hygieneartikeln, Schreibwaren, Spielzeugen, Kleidungsstücken aber auch Essen für das restliche Jahr versorgt. Außerdem wurden vier unvollendete Klassenräume während wir dort waren gefertigt, und ein Teil wird für die Erstellung eines Schlafsaales gespart.
Nun arbeiten wir an einer ofiziellen Homepage und der Vermittlung von Patenschaften. Über meine Facebookseite „Şeyda’s Diary“, wo auch etliche weitere Informationen, Fotos über meinen Aufenthalt zu finden sind, bin ich jederzeit für Fragen zu erreichen.
Wir sind uns sicher, dass das nicht das nicht unser letztes Mal gewesen sein sollte. Der Abschied war nämlich mehr als schwer. Mein neuer Traum ist nächstes Jahr nach meinem Abitur für eine längere Zeit wieder an diesem Ort zu sein und hoffentlich mehr als wie beim ersten Besuch zu bewegen.

Seyda