Gemeinsam für mehr Bildungsgerechtigkeit!

GREATER-Talk mit Akin: Migration, Bildungsaufstieg und die Kraft, sichtbar zu werden

Im Rahmen unseres GREATER-Talks spricht Akin Elkol über seine persönliche InteGREATer Story. Es geht um das Aufwachsen als Kind mit Migrationsgeschichte in einem bayerisch-fränkischen Dorf, um Bildungswege, fehlende Vorbilder, subtile Hürden in Schule und Beruf und darum, warum Herkunft nicht als Defizit, sondern als Stärke verstanden werden sollte. 

InteGREATer: Hi Akin, schön, dass du heute hier bist! Lass uns direkt ins Thema einsteigen. Wir als InteGREATer verfolgen die Mission Chancengleichheit durch Bildung und gehen dafür aktiv an die Schulen und erzählen unsere InteGREATer Stories. Heute gibst du uns einen Einblick in deine InteGREATer Story. Erzähl uns, welche Rolle dein Migrationshintergrund in deiner Schulzeit gespielt hat. 

Akin: Hi Edona, danke, dass ich heute hier sein darf und euer erster Botschafter bin! Mein Migrationshintergrund hat eine große Rolle gespielt. Ich bin in einem bayerisch-fränkischen Dorf aufgewachsen. In meinen Klassen gab es meistens nicht mehr als zwei oder drei Kinder mit Migrationshintergrund. Dadurch war mein Migrationshintergrund immer sehr präsent. 

In diesem Umfeld war Integration für mich deshalb selbstverständlich. Gleichzeitig ist man dadurch aber auch stärker aufgefallen. Wenn man einer der wenigen ist, sieht man anders aus, hat vielleicht einen anderen Nachnamen oder eine andere familiäre Geschichte. Das war schon sehr prägend. 

InteGREATer: Hast du in der Zeit auch Unterschiede gemerkt oder Diskriminierung erfahren als Kind? 

Akin: In der Grundschulzeit eher nicht. Da war das für mich noch kein großes Thema. Mit dem Alter kam es aber schon häufiger vor. 

Vor allem im privaten Umfeld, auf dem Schulweg in der Bahn, beim Ausgehen oder auch im Vereinsfußball habe ich immer wieder Blicke oder Sprüche erlebt, zum Beispiel von gegnerischen Spielern oder Fans. Das waren Situationen, in denen man gemerkt hat, dass man anders wahrgenommen wird. 

InteGREATer: Danke, dass du das so offen mit uns geteilt hast. Wie verlief dein Weg ins Studium und ins Berufsleben – auch vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen? 

Akin: Nach der Realschule und Fachabitur habe ich über Bachelor und Master sowie begleitende Praktika den direkten Einstieg in den Job geschafft. 

Mein Vater hat mich und meine Schwestern dabei immer unterstützt. Auch deshalb, weil er selbst nie die Chance hatte, auf das Gymnasium zu gehen. In der Generation meines Opas standen Arbeiten, schnell Geld verdienen und die Familie versorgen im Vordergrund. 

Für mich war Bildung deshalb auch immer mit Verantwortung verbunden. Ich wollte die Chancen nutzen, die frühere Generationen in meiner Familie nicht hatten. 

InteGREATer: Schön zu hören, dass Bildung für dich schon früh einen so hohen Stellenwert hatte und du diesen Weg konsequent gegangen bist. Wir haben gerade über Diskriminierungserfahrungen gesprochen. Wie sah es dann konkret auf deinem Bildungsweg aus? Hattest du das Gefühl, mehr Hürden überwinden zu müssen als andere? Und wann ist dir das zum ersten Mal bewusst geworden?

Akin: Ja, auf jeden Fall! Besonders beim Übergang von der Grundschule in die Realschule. Da hat mir rückblickend die Unterstützung der Lehrkräfte gefehlt. Wir haben wenig Unterstützung erfahren, obwohl unsere Startbedingungen deutlich andere waren als bei den meisten anderen und kaum spezifische Förderung, obwohl wir andere Voraussetzungen hatten als viele andere Kinder. 

Ich, aber auch meine Schwestern, haben Sätze gehört wie: „Der Schritt auf die Realschule oder das Gymnasium ist zu groß, das schafft ihr nicht.“ 

Heute habe ich ein Ingenieurstudium abgeschlossen und noch einen Master gemacht. Mein Bildungsweg zeigt also, wie falsch solche Einschätzungen sein können und wie viel Potenzial verloren geht, wenn Kindern zu wenig zugetraut wird. 

Später, auf den weiterführenden Schulen und im Studium, wurden die Hürden noch deutlicher. Meine Eltern wollten mich unterstützen, aber sie konnten es oft nicht so, wie Akademikereltern es vielleicht können. Es fehlten akademische Vorbilder, Wissen über Strukturen und Netzwerke. 

InteGREATer: Dieses Wissen hast du dir im Laufe der Zeit selbst angeeignet. Wann hast du gemerkt, es ist Zeit dieses Wissen in größere Netzwerke zurückzugeben? Heute engagierst du dich unter anderem bei ArbeiterKind e. V. Wie kam es dazu und wann hast du damit begonnen? 

Akin: So richtig engagiert habe ich mich erst seit 2025. Davor habe ich bereits einzelne geflüchtete Jugendliche unterstützt, wollte jedoch noch mehr bewirken. Ich hatte schon länger nach einer Möglichkeit gesucht, wirklich aktiv zu unterstützen, nicht nur mit einem finanziellen Beitrag, sondern mit meinem Wissen und meinen Erfahrungen. 

Dann bin ich über LinkedIn auf ArbeiterKind e.V. gestoßen, bin zu einem offenen Treffen gegangen und seitdem engagiere ich mich ehrenamtlich. 

Ich bin dort als Mutmacher aktiv und unterstütze Schüler:innen aus Nichtakademikerfamilien. Das passiert zum Beispiel über Schulbesuche, Azubi-Messen oder Medieninterviews. Außerdem bin ich Mentor im Berufseinstiegsprogramm und begleite junge Menschen, die vor dem Berufseinstieg stehen. 

InteGREATer: Toll zu hören, dass du dich nicht nur finanziell engagieren wolltest, sondern deine Erfahrungen und dein Wissen aktiv weitergibst! Wir haben jetzt über Schule und Studium gesprochen. Wie sieht es heute in der Berufswelt aus? Welche Rolle spielt der Migrationshintergrund dort? Begegnest du dort ähnlichen Hürden oder verändern sich die Herausforderungen? 

Akin: Meine persönliche Erfahrung ist, dass internationale Unternehmen Vielfalt häufig stärker leben, weil unterschiedliche Kulturen und Hintergründe dort zum Arbeitsalltag gehören. In kleineren Unternehmen oder traditionell geprägten Strukturen kann dies unterschiedlich ausgeprägt sein, das hängt jedoch stark von den jeweiligen Menschen und der Unternehmenskultur ab. 

In kleineren oder konservativeren Unternehmen, zum Beispiel Familienunternehmen, kann das schon anders sein. 

Generell haben Kinder aus Arbeiter- und Migrantenfamilien schlechtere Bildungs- und Karrierechancen. Oft fehlen Vorbilder, finanzielle Mittel, Netzwerke und Zugänge. Dies kann sich auf Studium, Berufseinstieg und den späteren Karriereweg auswirken.

Die Herkunft entscheidet in Deutschland immer noch maßgeblich über den Bildungserfolg: Nur 27 Prozent der Schülerinnen und Schüler aus einem Nichtakademikerhaushalt beginnen später ein Studium. Bei Akademikerkindern sind es 79 Prozent.1 

Für mich ist klar: Chancenungleichheit ist real. Wir sind noch nicht da, wo wir als Gesellschaft eigentlich sein müssten. 

InteGREATer: Das stimmt wohl, es ist noch viel zu tun, bis wir Chancengleichheit durch Bildung erreicht haben! Erlebst du im Arbeitsalltag weiterhin subtile Vorurteile oder Bemerkungen aufgrund deines Migrationshintergrunds? Wie gehst du damit um und welchen Rat würdest du anderen mitgeben? 

Akin: Eher indirekt. Es ist oft mehr ein Gefühl. Neben der fachlichen Ausbildung spielen auch „Soft Facts“ eine Rolle: Sprache, Umgangsformen, kulturelles Wissen und bestimmte Codes. 

Wenn man aus einem Umfeld kommt, in dem das nicht selbstverständlich Alltag war, hat man manchmal das Gefühl, nicht dazuzugehören oder nicht gut genug zu sein. Da kommt auch schnell das Imposter-Syndrom ins Spiel. 

Ein großer Vorteil meines Studiums war deshalb nicht nur die besseren Karrierechancen, sondern auch die gesellschaftliche Anerkennung. Man wird häufiger anhand seiner Fähigkeiten und Leistungen wahrgenommen und weniger auf stereotype Vorstellungen über die eigene bzw. soziale Herkunft reduziert. 

Mein ehemaliger Chef, der selbst einen Migrationshintergrund hatte, sagte einmal zu mir: Wenn jemand versucht, dich kleinzureden oder eine unnötige Bemerkung macht, dann sagt das mehr über diese Person aus als über dich. Nicht darauf einzugehen und mit Performance zu überzeugen, ist die beste Antwort. Diesen Tipp möchte ich gerne auch euch mitgeben.

InteGREATer: Danke, dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast! Wenn du deine Erfahrungen zusammenfassen müsstest, was sind dann deine Top 3 Learnings aus deiner persönlichen InteGREATer Story? 

Akin: Mein erstes Learning ist: Man sollte seinen Migrationshintergrund nicht verstecken, sondern die damit verbundenen Stärken selbstbewusst nutzen. 

Dazu gehört Anpassungsfähigkeit. Wir haben gelernt, uns in einer Kultur und Gesellschaft zu bewegen, die anders ist als die eigene. Sprache, Kultur, Normen, all das mussten wir verstehen und miteinander verbinden. 

Das zweite Learning ist Resilienz. Wenn man mit Herausforderungen, Hürden und Barrieren umgehen musste, baut man über die Zeit ein Durchhaltevermögen auf. Gerade heute ist das eine extrem wichtige Stärke. 

Das dritte Learning ist interkulturelle Kompetenz. Mehrsprachigkeit, unterschiedliche Kulturen und Perspektivwechsel helfen dabei, sich in einer globalisierten Welt leichter auf Menschen aus anderen Kulturkreisen einzulassen. In internationalen Teams ist das besonders wertvoll. 

Zusätzlich spielt für mich auch Leistungsorientierung eine große Rolle. Dieser innere Drive, es sich selbst, aber auch dem Umfeld zu beweisen, begleitet viele von uns. Der Aufstiegsgedanke ist immer ein Stück weit dabei.

InteGREATer: Danke für deine Learnings. Worauf sollten junge Menschen mit Migrationsgeschichte besonders achten – unabhängig davon, ob in der Schule, im Studium oder im Beruf? 

Akin: Lasst euch euren Migrationshintergrund nicht als Nachteil auslegen. 

Ich sehe ihn nicht als Defizit, sondern als Kompetenz. In einer globalen Gesellschaft und Arbeitswelt wird diese Kompetenz immer wichtiger. Die soziale Herkunft darf nicht über die Zukunft entscheiden. 

InteGREATer: Welche Tipps würdest du insbesondere jungen Menschen beim Berufseinstieg mit auf den Weg geben? 

Akin: Mein wichtigster Tipp ist: Zeigt Mut und holt euch proaktiv Unterstützung. Organisationen wie InteGREATer, ArbeiterKind e.V. oder Netzwerk Chancen können sehr hilfreich sein. 

Ich hatte damals nicht das Wissen und auch nicht den Mut, um Hilfe zu fragen. Viele Schritte musste ich allein gehen. Heute weiß ich: Es gibt viele Menschen da draußen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Der Austausch kann Wege eröffnen. Deshalb engagiere ich mich heute. Ich wünsche mir, dass die nächste Generation nicht dieselben Umwege gehen muss wie ich und viele andere von uns. Wenn meine Erfahrungen auch nur einem jungen Menschen den Weg ein Stück leichter machen, dann hat sich mein Engagement gelohnt. 

Und noch ein wichtiger Punkt: Sprecht über eure Erfolge. Viele von uns haben gelernt, demütig zu sein. Das ist eine sehr gute Eigenschaft. Aber wir dürfen auch stolz auf das sein, was wir erreicht haben, und darüber sprechen. 

Denn wer sichtbar ist, kann wirken. 

Akin leitet das Großkundenmanagement einer Tochtergesellschaft der Mercedes-Benz Group und ist unser erster InteGREATer-Botschafter. Er setzt sich als Mutmacher dafür ein, jungen Menschen aus Nichtakademiker- und Migrationsfamilien mehr Sichtbarkeit, Orientierung und Vertrauen in den eigenen Weg zu geben. 

Mehr zu Akin findet ihr auf LinkedIn.

Quelle¹: https://hochschulbildungsreport.de/fokusthemen/arbeiterkinder